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Luzides Träumen — Mach’ die Nacht zum Tag

«Dreams are real while they last. Can we say more of life?»

—  Stephen LaBerge in seinem Buch „Lucid Dreaming“

Hast du schonmal einen so beeindruckenden, abenteuerlichen oder schönen Traum erlebt, dass du dir direkt nach dem Aufwachen gewünscht hast, wieder einzuschlafen oder den Traum um jeden Preis kommende Nacht erneut genießen zu können? Mit Sicherheit, doch genauso wahrscheinlich war dieser Wunsch vergeblich. Was, wenn man dir sagt, dass du einen derartigen Traum absichtlich herbeiführen und deine Handlungen dann auch noch mehr oder weniger bewusst steuern kannst? In einer täuschend echten virtuellen Realität alles machen, was du willst? Klingt zu verrückt um wahr zu sein? Doch genau das beabsichtigt dieser Blogbeitrag. Wir möchten dich in den kommenden Zeilen mehr über die sogenannten luziden Träume wissen lassen und dir sogar ganz konkrete Praxistipps an die Hand geben, damit auch du heute Nacht schon einen Versuch starten kannst, deinen Schlaf in ein nahezu grenzenloses Erlebnis zu verwandeln — sei gespannt.

Was für ein Traum…?

Ein luzider Traum, auch Klartraum genannt, beschreibt eine Art von Traum, in welchem sich der Träumer des Träumens bewusst ist. Das Wort ‚luzid’ leitet sich vom lateinischen Wort ‚lux’ ab, was ‚Licht’ bedeutet. Durch diesen Zustand der Erkenntnis verwandelt sich dein Traum von einem passiven Beobachterereignis in ein aktives Erlebnis, in dessen Rahmen du willentliche Entscheidungen treffen kannst. Das Spektakuläre daran ist natürlich, dass dir die Traumwelt keine physischen oder sonstige Grenzen vorgibt, und somit die verrücktesten Dinge möglich werden. Wenn du dich dann sogar am nächsten Morgen an das Erlebte erinnern kannst, dann dürfte das Ganze ziemlich attraktiv sein — nicht wahr? Klarträume sind Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und deren Existenz sowie die Tatsache, dass sich der Träumer tatsächlich während des luziden Traumerlebnisses im Schlaf befindet, gelten als bewiesen. Jedoch konnte noch keine verlässlich reproduzierbare Methode identifiziert werden, um diese Art von Traum zu induzieren. Auch die Erfolge der Lernenden variieren stark; einige erleben einen Klartraum bereits nach kürzester Zeit, andere müssen für ihren ersten Klartraum Monate mit verschiedenen Methoden experimentieren. Die Ursachen hierfür konnten bisher nicht endgültig festgestellt werden.

Was muss ich tun?

Das Schöne ist, dass es sehr konkrete Methoden gibt, die das Auftreten eines Klartraumes im Durchschnitt zumindest signifikant wahrscheinlicher machen. Man muss hierfür keine bestimmten Fähigkeiten besitzen und es wird angenommen, dass theoretisch jeder luzid träumen kann. Es gibt jedoch einige Voraussetzungen, die die Erfolgschancen grundsätzlich erhöhen; dies sind ein geregelter Schlafrhythmus, also feste Schlafens- und Aufstehzeiten, und ein eher aktiver Lebensstil, sodass der Körper einen bedeutenden Unterschied zwischen Wach- und Schlafphasen wahrnimmt. Auch das Benutzen von elektronischen Geräten wie Handys und Laptops sollte kurze Zeit vor dem Schlafengehen vermieden werden.

Im nächsten Schritt solltest du beginnen ein Traumtagebuch zu führen, und zwar in der Form, dass du direkt nach dem Aufstehen alle Aspekte deiner Träume niederschreibst, an die du dich erinnern kannst. Das hilft dir dabei, deine Sensitivität in Bezug auf deine Träume zu erhöhen und somit deine Fähigkeit zu verbessern, die Träume im wachen Zustand zu erinnern. Das hilft dir ebenfalls fürs luzide Träumen, denn wenn du alles im Traum Erlebte vor Tagesanbruch schon wieder vergisst, ist das Unterfangen schließlich sinnlos und den Aufwand nicht wert.

Der Kreisel

Nun hast du also eine gesunde Schlafroutine implementiert, führst jeden Morgen (oder gerne auch direkt nachts, wenn du nach einem Traum aufwachst) dein Traumtagebuch und vermeidest Displayzeit kurz vor dem Schlafengehen. Doch es gibt noch einen weiteren Aspekt, den man im Wachzustand in den Alltag einbauen muss, damit das mit dem Klartraum klappt. Jeder kennt wahrscheinlich den Film „Inception“ mit Leonardo DiCaprio oder hat zumindest mal davon gehört. Bekannt ist er wohl vor allem dafür, dass man nicht weiß, wie man anderen die Handlung des Filmes erklären soll, weil man ihn selbst nicht wirklich verstanden hat. Kein Problem, das geht fast allen so, und soll uns auch nicht weiter stören. Doch ein Element aus dem Film ist für dich an dieser Stelle ganz bedeutsam: der Kreisel. Der Protagonist des Filmes benutzt andauernd einen Kreisel — aber wofür? Nun, der Kreisel dient ihm als Kontrollinstrument, um festzustellen, ob er sich in einem Traum befindet oder wach ist. Denn im Wachzustand (der „Realität“) gerät der Kreisel nach kurzer Zeit ins Schwanken und kippt schließlich um, im Traum jedoch hört er nicht auf sich zu drehen. Einen solchen ‚reality check‘ solltest auch du dir angewöhnen. Dazu ist es dienlich, dir einen bestimmten Auslöser auszuwählen, z.B. wenn du einen Schluck trinkst oder dein Handy in die Hand nimmst, und dann bei jedem mal deinen ‚reality check‘ durchzuführen. Dafür kannst du bspw. deine Nase zuhalten und versuchen zu atmen, versuchen die Handfläche deiner einen Hand mit dem Finger der anderen zu durchbohren oder deine Hand anschauen und mit den Fingern bis fünf zählen. All dies wird im Traum nämlich auf die ein oder andere Weise schiefgehen: Du wirst trotz zugehaltener Nase atmen können, deine Hand mit dem Finger durchbohren können oder kläglich scheitern, fünf Finger abzuzählen, weil du entweder sechs Finger hast oder deine Hand nicht richtig erkennen kannst. Der Sinn und Zweck sollte klar sein: dir des Traumzustandes bewusst zu werden. Wähle einen oder mehrere ‚reality checks‘ für dich aus, die du im Alltag bei bestimmten Auslösern durchführst, damit dein Unterbewusstsein sie sich einprägt und du sie automatisch im Traum durchführen wirst. Dies wird einen essenziellen Scheidepunkt darstellen, an dem du im Traum realisieren wirst, dass du träumst, womit dein Klartraum seinen Anfang nimmt.

Nun wird’s ernst

Du bist jetzt gut gewappnet, um deinen ersten Klartraum zu erleben. Es gilt noch einige Prozeduren durchzuführen, die direkt mit dem Schlafen zu tun haben. Vor dem Einschlafen solltest du dir suggerieren, dass du einen Klartraum haben, alles unter Kontrolle haben und dich zudem danach daran erinnern wirst. Versuche mit dieser Autosuggestion einzuschlafen. Am größten ist die Chance, wenn du dir einen Wecker auf ca. 5-6 Stunden nach dem Einschlafen stellst, da du dann bestenfalls in der sogenannten REM-Schlafphase, die auf die Tiefschlafphase folgt, aufwachen wirst. Stehe kurz auf, bleibe mindestens 15 Minuten wach, gehe in der Zeit auf Toilette, laufe ein wenig umher und beschäftige dich gedanklich mit dem Thema ‚luzides Träumen‘, lege dich dann wieder schlafen und suggeriere erneut, dass du jetzt einen Klartraum haben wirst. Wenn du dann einschläfst, landest du direkt in der REM-Schlafphase und ein Klartraum wird sehr wahrscheinlich. Theoretisch funktioniert es aber auch ohne, dass du dir nachts einen Wecker stellen musst — nur eben weniger häufig. Das ist ganz dir und deinen Vorlieben überlassen. Es gibt noch zusätzliche Methoden, die du nachts, nachdem du dich wieder hingelegt hast, durchführen kannst, doch eine genauere Erläuterung würde hier den Rahmen sprengen. Kurzum: Es geht darum, immer im Wechsel mit einem Abstand von 5-30 Sekunden für mehrere Runden den Fokus der Reihenfolge nach ganz auf das Sehen, das Hören und das Fühlen zu lenken. Eine genaue Erläuterung zu dieser Methode bzw. dem luziden Träumen im Allgemeinen erhältst du bspw. hier (auf Englisch) und hier (auf Deutsch).

Erkunde eine neue Welt — deine Welt

Falls diese Ausführungen dein Interesse geweckt haben, ist das fantastisch. Wenn wir mal ehrlich sind: Was gibt es schon Spannenderes, als jede Nacht die potenzielle Möglichkeit zu haben, die eigene Traumwelt zu erkunden und die Nacht zum Tag zu machen, ohne dass du am nächsten Morgen müde und erschöpft bist? Und falls das noch nicht genug ist: Sogar motorisches Lernen im Rahmen luzider Träume ist möglich, sodass dies messbare Effekte auf deine Leistung in der Realität hat, wenn du bei vollem Bewusstsein bist! Das bedeutet nichts anderes, als dass du — gesetzt den Fall, dass du das Klarträumen beherrschst — nachts im Traum Klavierspielen, deine Lieblingssportart oder etwas ganz anderes, das mit körperlicher Betätigung zu tun hat, erlernen und üben kannst, um dies tagsüber in der Realität besser, oder überhaupt, praktizieren zu können (siehe dazu bspw. diese Dissertation). Das Feld der Klarträume ist also nicht nur überaus faszinierend, sondern hat gewaltige Sprengkraft in Bezug auf unser gesamtes Realitätsverständnis, doch derartige philosophische Überlegungen sind dir an dieser Stelle selbst überlassen.

Hoffentlich konnten die vorangegangenen Zeilen deine Neugierde fürs Erste wecken. Auf dass du deinen Horizont erweiterst und auf Erkundungstour zu neuen Welten aufbrichst — oder: auf Erkundungstour zu dir selbst.

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